1. Kapitel
Die gut gefüllten wandhohen Bücherregale, die im rechten Winkel zueinanderstehend die Nord- und Westseite der Studierstube bilden, geben dem Mädchen, solange es denken kann, mit ihrem dunklen, warmen Braunton Geborgenheit und Heimatgefühl, auch ohne die Gegenwart ihrer Besitzer.
Ulrike hat vier Briefe von der Mutter in der Hand, die sie dem Vater – gut sichtbar an Bibel und Gesangbuch gelehnt – auf den Schreibtisch stellt. Diese Briefe sind zwar an beide gerichtet, aber sie überlässt es dem Vater, sie zu öffnen. Die Hausbesuchsrunde von Pfarrer Jeremias Hirt ist ohnehin meist um diese Zeit beendet, auch wenn sie wegen der vielen trostbedürftigen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen jetzt wesentlich länger dauert als früher. Ulrike muss hoffentlich nicht mehr lange warten, um endlich die Nachrichten von der Mutter lesen zu können. Das kirchenamtliche Schreiben – das Erste nach langer Zeit – legt sie auf die dunkle Platte des Arbeitsplatzes.
Zum offenen Fenster im Erdgeschoss, zwischen dessen Flügeln es sich das dreifarbige Kätzchen gemütlich gemacht hat, dringt warm und träge ein Gemisch aus sommerlichen Blumendüften ins Zimmer herein. Lupinen und letzte Pfingstrosen, die ersten Blüten der Apfelrosen und die der großen Linde hinter der Kirche dominieren darin.
Sie hat heute den Gartentisch zum Mittagessen vorbereitet, und wieder muss sie zuerst das gackernde Hühnervolk vom Vorwerk nebenan aus ihrem Garten scheuchen. Seufzend wischt sich Ulrike den Schweiß von der Stirn. Der Zaun des Pfarrgartens ist leider viel zu niedrig und hat viele Lücken, konstatiert sie. Dabei sind diese Hühner unerhört nützlich; man muss lediglich die Blumen und den Salat vor ihnen schützen, wenn sie in den Beeten nach Käfern und Regenwürmern scharren. Kohlrabi und Möhren lassen die Hühner meist ungeschoren.
Mit viel Mühe und allerlei List hatten die Bauern ihr Federvieh seit den letzten Kriegstagen vor plündernden Besatzungssoldaten und heimwärts ziehenden Zwangsarbeitern gesichert. Nun genießt es unter Aufsicht seine Freiheit auf dem Hof.
Von den vorjährigen Feldmöhren hatten Hirts so viel eingekellert, dass Ulrike auch jetzt Anfang Juni 1945 noch einen ansehnlichen Eintopf davon bereiten konnte. Den Salatkopf für den Nachtisch verdankt sie ihrem Frühbeetkasten. Ulrike übergießt die gewaschenen Blätter mit ein paar Löffeln saurer Milch – Vater liebt ihn auf diese einfache Art angerichtet besonders. Gekocht hat sie wie immer reichlich. Das ist hier auf dem Lande selbst fünf Wochen nach Ende dieses schrecklichen Krieges noch machbar, und nicht selten stellen sich ein oder mehrere zusätzliche Esser ein. Jede der ausgemergelten Gestalten ist dankbar für einen Teller Suppe und eine Scheibe Brot …